01.10.2025 | Wir durften Teil einer besonderen Veranstaltung sein. Am 26. September 2025 fand die Stolpersteinverlegung in Magdeburg statt. Uns wurde Ehre zu teil, die Patenschaft von 3 Stolpersteinen zu übernehmen und einen Stolperstein haben wir in Form einer Spende finanziert. Wenn du mehr zur Familie der Stolpersteine erfahren möchtest, klicke hier.
Wir erinnern an Rosa Nossek (geb. Nossek) und an ihre Söhne Salomon Siegbert und Alfred Alexander.
Was wissen wir von ihnen?
Im Jahr 1926 wird in der Halberstädter Straße 61 in Magdeburg-Sudenburg ein neues Geschäft für Mützen und Hüte und Kürschnerarbeiten eröffnet. Alleinige Inhaberin ist die jüdische Witwe Rosa Nossek (Nosseck), gebürtig aus Wongrowitz (damals Regierungsbezirk Bromberg), Tochter von Alexander Nossek und seiner Frau Rosalie geb. Lefkowitz. Sie ist ganz neu in Magdeburg. Zu Lebzeiten ihres Mannes, des Kürschnermeisters Michaelis Machol Nossek (1838 – 1916), wohnen sie beide mit ihren Kindern lange in Nakel an der Netze, auch im damaligen Regierungsbezirk Bromberg gelegen. Dort wird ihnen 1888 ihr ältester Sohn geboren, Salomon Siegbert, und 17 Jahre später Alfred Alexander. Vielleicht gibt es auch eine Tochter, Anna, zu ihr liegen bisher keinerlei nähere Angaben vor.
Familie Nossek geht es gewiss gut in der etwa 30 km westlich von Bromberg gelegenen Kleinstadt Nakel. Ihr Geschäft befindet sich am Markt, nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht ein guter Standort. Es sieht so aus, als ob sich nicht nur Michaelis sondern auch Rosa Nossek mit der Kürschnerei auskennt und mit um das Geschäft kümmern kann. Beide gehören zur örtlichen jüdischen etwa 1000 Mitglieder starken Gemeinde, die auch eine Schule hat, in der Salomon und Alfred den ersten Unterricht erhalten. Doch mitten im Ersten Weltkrieg, in dem vermutlich der ältere Sohn, Salomon, als Soldat im Einsatz ist, stirbt am 29. Mai 1916 Michaelis Nossek, und seine Witwe muss das Geschäft allein weiterführen, um sich mit dem eben erst elfjährigen Alfred durchzubringen.
Nach 1918 fällt die Provinz Posen an Polen, Anlass für viele jüdische Posener, auch für Familie Nossek, abzuwandern, nach Deutschland oder noch weiter. Wann Rosa mit ihren Söhnen Nakel verlässt, ist nicht bekannt, nur, dass sie im Jahr 1925 obigen Geschäftseintrag für das Magdeburger Adressbuch 1926 veranlasst. Allerdings lässt sie dann von 1928 an das Sudenburger Geschäft, aus welchem Grunde auch immer, unter dem Namen ihres verstorbenen Mannes eintragen: „Michaelis Nossek, Hut- und Mützengeschäft, Kürschnermeistr.“. Daneben ist im Adressbuch ab 1929 auf ihren eigenen Namen ein Pelzgeschäft in der Otto-von-Guericke-Str. 10 (nahe der Kölner Straße und dem Hauptbahnhof), eingetragen. Im Jahr 1932, Rosa Nossek ist inzwischen 65 Jahre alt, wohnt sie immer noch Otto-von-Guericke-Str. 10, aber es fehlt der Hinweis auf das Pelzgeschäft. Im Jahr drauf zieht sie um die Ecke in die Kölner Straße 3, in ein Haus, das infolge der Umnummerierung der Häuser durch die Stadtverwaltung 1939 zur Kölner Straße 6 wird.
Beide Söhne bleiben lange ledig und beide sind im kaufmännischen Beruf tätig. Alfred hat von einem bestimmten Zeitpunkt an das Sudenburger Geschäft übernommen, wo er ab 1936 als alleiniger Inhaber im Adressbuch steht. Auch dies Geschäft ist von der Umnummerierung der Stadtverwaltung betroffen, die im Adressbuch zu findenden Hausnummern Halberstädter Straße 61, 106, 50 und schließlich 125 meinen alle ein und denselben bzw. einen unmittelbar benachbarten Standort. Unklar ist, wie lange Alfred bei seiner Mutter wohnt. Er heiratet am 1. März 1938 in Magdeburg Anni Garbatzky aus Leipzig (geboren am 9. August 1913). Wenige Monate danach wird er am Tag nach den Novemberpogromen, am 10. November 1938, wie viele tausend jüdische Männer in ganz Deutschland, verhaftet. Er wird in das Magdeburger Polizeigefängnis gebracht, wo seine Anschrift notiert wird: Westendstraße 9. Also wohnt er – mit seiner Frau? – in einem der so genannten „Judenhäuser“. Aus dem Polizeigefängnis wird er in das KZ Buchenwald verschleppt. Dort lässt man ihn wenig später mit der Auflage frei, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Sein Geschäft ist inzwischen „arisiert“ oder völlig geschlossen worden. Ihm und seiner Frau gelingt es, rechtzeitig aus Nazideutschland zu entkommen. Am 15. März 1939 verlässt das Paar Magdeburg Richtung Brasilien. Später gehen beide von dort in die USA, wo Alfred 1965 in Yonkers im Staat New York stirbt.
Von Salomon Nossek heißt es 1935 in einer Liste jüdischer Gewerbetreibender, er wohne Kölner Straße 3 und sei „Reisender“, also Handelsvertreter für eine Firma. Ob diese Tätigkeit in irgendeiner Verbindung zum Pelzgeschäft seiner Mutter steht oder ob er in völlig anderem Auftrag unterwegs ist, ist nicht klar; in einem Verzeichnis von 1938 heißt es aber, er sei Vertreter von Leinen und Stoffen. Jedenfalls ist ihm all diese Tätigkeit als Juden nach 1938 verboten. Im Jahr 1942 wird er bei der ersten großen Deportation aus Magdeburg am 14. April in das Ghetto Warschau deportiert, das ist das letzte, was von ihm bekannt ist. Bekannt jedoch ist, dass aus diesem Ghetto ab dem 21. Juli 1942 fast täglich Deportationszüge in das Vernichtungslager Treblinka abgehen.
Mutter Rosa Nossek bleibt als letzte der Familie in Magdeburg zurück. Am 25. November 1942 wird die inzwischen 75jährige mit einem Transport in das Altersghetto Theresienstadt gebracht. All die dortige Not und Enge, die schlechte Ernährung und die unzureichende gesundheitliche Versorgung erträgt sie und überlebt als eine von acht Überlebenden aus Magdeburg das ganze Theresienstädter Elend. Vermutlich ist sie die Rosa Nossek, die als 79jährige Passagierin des Transportschiffes Marine Marlin auf der Passagierliste steht und am 21. Februar 1947 von Bremen aus nach New York abreist. Dort wohnt ja inzwischen auch ihr Sohn Alfred.
Informationsstand Juni 2025
Quellen: Stadtarchiv Magdeburg; Synagogenarchiv Magdeburg; Gedenkbuch des Bundesarchivs Berlin; ITS Bad Arolsen; Archiv der Universität Würzburg; Internetrecherche u.a. bei ancestry.de, geni.com und jewishgen.org; Recherche und Text städtische Arbeitsgruppe „Stolpersteine für Magdeburg“.
Der Stolperstein im Gedenken an Rosa Nossek wurde finanziert durch Susanne Harbke, Magdeburg
Der Stolperstein im Gedenken an Salomon Nossek wurde finanziert durch Kolleginnen und Kollegen von IG Metall, Magdeburg-Schönebeck.
Der Stolperstein im Gedenken an Alfred Nossek finanziert durch ein Ehepaar aus Magdeburg